EuGH entscheidet (vorab) in Sachen ULD ./. WAK SH („Facebook Fanpages“, EuGH Rechtssache C‑210/16)

Ein bisschen roch es schon danach, nachdem der Generalanwalt beim EuGH, Yves Bot, in Sachen ULD ./. WAK Schleswig-Holstein sein Schlussgutachten vorgelegt hatte. Nun ist es amtlich: Das unabhängige Landeszentrum für den Datenschutz in Schleswig Holstein (ULD) erlangt (zumindest) in einem Teilaspekt einen Etappensieg in dem Rechtsstreit über die Rechtmäßigkeit von Facebook-Fanpages, der bereits seit 2011 andauert und bei dem es um Datenschutzverstöße durch die Facebook-Reichweitenanalyse „Insights“ geht. Der EuGH hat am 5.6.18 über verschiedene Vorlagefragen entschieden, auf die es in dem derzeit beim Bundesverwaltungsgericht anhängigen Verfahren ankommt. Allerdings dürften die Sektkorken beim ULD wohl nicht allzu laut knallen.

Die wohl wichtigste Frage, nämlich die danach, inwieweit neben Facebook auch der Betreiber einer Fanpage selbst verantworlich ist für die Datenverarbeitung, die auf Seiten von Facebook durchgeführt wird, bejaht das Gericht:

Nach alledem ist auf die erste und die zweite Frage zu antworten, dass Art. 2 Buchst. d der Richtlinie 95/46 dahin auszulegen ist, dass der Begriff des „für die Verarbeitung Verantwortlichen“ im Sinne dieser Bestimmung den Betreiber einer bei einem sozialen Netzwerk unterhaltenen Fanpage umfasst.

Allerdings: Der EuGH bejaht ebenfalls die Frage, ob die Datenschutzbehörde – hier: Das ULD – gegen Facebook Germany als Inländische Niederlassung vorgehen konnte, wenn Datenschutzverstöße der Konzernmutter festgestellt wurden. Hieran konnte man zweifeln, da am Hamburger Sitz von Facebook Germany (angeblich) nur der Verkauf von Werbeflächen uns sonstige Marketingaktivitäten entfaltet wurden. Der EuGH stellt hier fest: Das ULD konnte sehr wohl auch gegen diese Niederlassung vorgehen.

Das klingt erst einmal gut, muss allerdings gerade keine gute Nachricht für das ULD sein. Denn das Bundesverwaltungsgericht hatte schon in dem Vorabentscheidungsersuchen darauf hingewiesen, dass:

In dem Fall, dass im Licht dieser Antwort festgestellt werden sollte, dass das ULD die behaupteten Verstöße gegen das Recht auf Schutz der personenbezogenen Daten beenden könne, indem es eine Maßnahme gegen Facebook Germany erlasse, dieser Umstand das Vorliegen eines Ermessensfehlers bezüglich des angefochtenen Bescheids belegen könnte, da dieser dann zu Unrecht gegen die Wirtschaftsakademie erlassen worden wäre.

Mit anderen Worten: Das Bundesverwaltungsgericht könnte sich nun auf den Standpunkt stellen, dass das ULD gegen Facebook selbst vorgehen konnte. Und wenn es dies konnte, dann musste es dies eventuell auch. Und damit könnte das Vorgehen des ULD dann doch wieder rechtswidrig gewesen sein.

Wie geht es jetzt weiter?

Der EuGH hat den Rechtsstreit heute nicht entschieden – sondern nur einzelne Fragen, die das im Moment mit dem eigentlichen Verfahren befasste Gericht, also das Bundesverwaltungsgericht – für maßgeblich hält. Wann dieses nun entscheidet, und noch viel wichtiger: Wie es entscheiden wird, ist heute meiner Ansicht nach nicht viel klarer geworden.

Welche Folgen hat das Urteil sonst noch?

Wie die meisten mitbekommen haben, weil es vom „Anwaltsblatt“ bis zur Tagesschau alle wichtigen Medien verbreitet haben, gilt seit 25. Mai die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO). So könnte man also auf die Idee kommen, dass die Entscheidung, die auf der Grundlage des alten Rechts – nämlich der Datenschutzrichtlinie 95/46 EU – ergangen ist, nur noch rechtsgeschichtlichen Wert hat. Dies ist aber nicht der Fall, denn hinsichtlich der Verantwortlichkeit ergeben sich gerade keine Änderungen zwischen altem und neuen Recht. Und das bedeutet wohl, dass jeder Nutzer jedenfalls von beruflich genutzten Social Media Profilen zukünftig für die Datenverarbeitung(sverstöße) des jeweiligen Anbieters (mit)verantwortlich ist. Oder, um es mit den Worten des hochgeschätzten Kollegen Thomas Schwenke zu sagen

(Kleine Einschränkung hierzu: Für private Accounts gilt dies aber jedenfalls „möglicherweise“ nicht, da die Anwendung der DSGVO in Bezug auf den Profilinhaber insoweit jedenfalls fraglich ist, so steht das in Art. 2 Abs. 2c DSGVO in Verbindung mit Erwägungsgrund 18).

Verweise:

Jurafunk 149: Ein Bot namens Yves / Schweigen ist Gold / PayPal (Ver-)käuferschutz

Es war nun eine Zeit lang nichts vom Jurafunk-Team zu hören – Was man als nette Geste gegenüber dem Podcast-Team der Rechtsbelehrung framen könnte, die damit die Möglichkeit erhielt, den Folgen Vorsprung des Jurafunks etwas zu verkürzen. Aber das würde an der Wahrheit natürlich etwas vorbei gehen, denn wir hatten einfach zuviel anderes (wenn auch nicht Besseres) zu tun. In Folge 149 es wieder einmal um Facebook, die Gerichte und die für das ULD überraschende Aussicht, auch mal einen Prozess in Zusammenhang mit dem sozialen Netzwerk zu „gewinnen“. Außerdem besprechen wir Til Schweigers loses Mundwerk, das PayPal-Urteil des BGH und beginnen eine neue Rubrik im Podcast, die ich soeben „Henrys Wundertüte“ getauft habe.

Viel Vergnügen!

Mehr erfahren

Jurafunk Live zur #diwokiel fällt leider aus!

Vom 16. bis 23.9.2017 findet erstmals die Digitale Woche Kiel statt. „Die Digitalisierung erlebbar machen und Perspektiven für die Zukunft schaffen“ – so lautet das Motto. Datenschützer Henry Krasemann (im Hauptberuf beim ULD) und Medienanwalt Stephan Dirks leben das Motto seit bald 10 Jahren, denn Rechtsfragen rund um die Digitalisierung sind die bestimmenden Themen des Rechtspocasts Jurafunk.

Im Rahmen der Digitalen Woche Kiel wird das nicht anders sein: Am 19.7. heißt im Camp24/7 direkt an der Kiellinie:

Jurafunk Live: „Das wird man wohl noch sagen dürfen!“ –  Hate Speech und Fake News rechtlich gesehen.

In der Podcast-Aufnahme-Session vor und mit Publikum werden die Teilnehmer ausgiebig Gelegenheit haben, sich einzubringen, Fragen zu stellen und mitzudiskutieren, wenn es um Rechtsprobleme der Digitalisierung geht. keine Anmeldung notwendig,
Eintritt frei.

Die Veranstaltung muss leider krankheitsbedingt ausfallen. Wir werden das Thema aber in einer der folgenden Jurafunk-Folgen aufgreifen.

My Ex-Friend Cayla: Bundesnetzagentur verbietet Spionage-Puppe

Bietet sich online noch unverdrossen als Freundin an: Abhörpuppe "Cayla" (Screenshot: http://myfriendcayla.de/ am 17.2.17).

Bietet sich online noch immer unverdrossen als Freundin an: Abhörpuppe „Cayla“.

Die Bundesnetzagentur hat am 16. Februar 2017 die Puppe „My Friend Caya“ aufgrund des Rechtsgutachtens eines wackeren Jurastudenten unter dem Gesichtspunkt des Missbrauchs von Sendeanlagen nach § 90 des Telekommunikationsgesetzes (TKG) verboten. Grundlage ist die mangelhafte Absicherung des, nunja, „Spielzeugs“.

Das Verbot hat drastische Folgen: Gemäß der entsprechenden Anordnung der Bundesnetzagentur muss die Sendeanlage – also die Puppe zerstört werden. Als Vernichtungsnachweis bietet sich ein Foto an. Nur eindeutig sollte es sein, ist bei der Bundesnetzagentur nachzulesen.

Cayla und ihr seltsames Alter Ego für Jungs namens „I-Que“ waren mir bereits Ende Dezember 2016 unangenehm aufgefallen, weswegen ich ihr den Text „Vorsicht: Freund hört mit“ in der Mac Life gewidmet habe.

Dieser ist mittlerweile frei verfügbar, und zwar hier.

Jurafunk Nr. 139: Haftung fürs Filesharing / Haftung fürs Bloggen / Haftung fürs Filmen vom Schornsteinfegermeister

Zum wahrscheinlich letzten mal im Jahr 2016 gibt es einen neuen Jurafunk. In Folge 139 geht es um eine vielfältig interpretierbare Pressemitteilung des Bundesgerichtshofs zur Störerhaftung des Anschlussinhabers beim Filesharing, um die Frage, wann Blogger für Tatsachenbehauptungen haften, ob  und wann Inhalte Dritter im Google-Cache Vertragsstrafen auslösen können, was Schornsteinfeger bei ihrer Arbeit so alles nicht dulden müssen (z.B.: Gefilmt werden) und dann noch zwei Entscheidungen, die sich um den Vertrieb von Sexspielzeug und Treckerfahren drehen.  Viel Vergnügen!

 

 

Mehr erfahren